Gisèle Prassinos1 (1920–2015) |
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Chateaubriands Gespenst ![]() A uf dem linken Bürgersteig der Rue de Seine2 lief ein Hund auf und ab. Chateaubriands Gespenst, leuchtend durch die Glut seiner Eingeweide, lief mit seinem Regenschirm zwischen den Beinen hinter ihm her. So liefen sie eine ganze Weile. Sobald der Hund in der Ebene ankam, die sich zwischen der Saint-Martin-Kirche und deren Glockenturm erstreckte, drehte er sich um und schnupperte, sein Kreuzzeichen schlagend, in die nebelschwangere Luft. Bald erschien eine gewisse Anzahl von Aussätzigen, die fieberkrank aussahen. Doch da jedermann weiß, dass man an jedem Monatsende sein Gebet verrichtet, strapazierten die Aussätzigen ihre Füße damit, die Wut ihres Anführers zu mindern. Dieser Anführer, der krank zu sein schien, führte seine Truppe ohne allzu große Probleme. Trotzdem wachte Chateaubriands Gespenst voller Würde und Wildheit über diese Wesen, die leicht verrückt werden konnten. Schließlich erhob sich der Hund. Nervös rannte er kreuz und quer durch die Truppe, die er mit seiner Kraft durchdrungen hatte. Die Aussätzigen vor ihm rührten sich nicht von der Stelle. Jeder von ihnen zwinkerte, wenn er an ihm vorbeikam, mit dem Auge und wickelte eine Spule auf, wie um seiner würdig zu sein. Alle hörten, nur um zu sprechen, nacheinander auf, ihren Vordermann zu führen. Niemand machte sich über ihn lustig, weil man wusste, dass seine Seele sehr zur Verstimmung neigte. Nachdem er durch die Reihen gegangen warm, lief er zu dem Gespenst, das ihm lächelnd und sehr leise ein paar Worte zuflüsterte. Dann gingen sie zusammen fort und ließen die schöne Armee der Aussätzigen, einfach und wert, es zu sein, hinter sich zurück. Sie gingen immer weiter. Irgendwann setzte sich das Gespenst auf die Brüstung. Sie sprachen miteinander über einen bestimmten Schankwirt, der statt Zucker Pappmaché servierte. Um zehn Uhr zog der Hund aus seiner Weste ein Stück Silberlamé hervor, das er mit einer beinahe alten Gebärde ausschüttelte. Er warf es in den Fluss. Das Stückchen Stoff sank unter Wasser und kam dann wieder zum Vorschein, einen Büffelschädel hinter sich herziehend. Diesem folgte eine Schnur, die von einem Pflock gehalten wurde, den ein minderjähriger Bergarbeiter gerade erst in den Boden geschlagen hatte. Auf der schlafenden Uferböschung, bis zu der die Sonne noch nicht vorgedrungen war, weidete ein Büffelkörper das warme Gras ab. Das alles sah der Hund sich an, weiß und eingenickt zugleich. Leise, aber die Beine unter die Arme nehmend, macht sich das Gespenst aus dem Staub, und bis zum Tag der Aussätzigen-Inspektion, die am 22. November 999 stattfand, wurde es nicht mehr gesehen. 1934 1 Gisèle Prassinos (1920–2015), in Istanbul geborene, in Paris als Kind griechischer Eltern aufgewachsene Lyrikerin und Erzählerin mit automatistischer Schreibweise, stieß, von André Breton entdeckt, als 14-Jährige (!) zur Pariser Surrealistengruppe, zu der sie nach 1945 keine engen Beziehungen mehr hatte (Anm.d.Ü.). Aus dem Französischen von H. Becker |
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