José Pierre (1927–1999) |
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Dreams that money can buy Für Annie Le Brun ![]() I n der Silvesternacht freuten sich die späten Passanten, die zu irgendeinem Festessen eilten, ohne zuvor dafür gesorgt zu haben, dass sie ein Geschenk für ihre Gastgeber hatten, stets sehr darüber, an der Ecke Waterloo Road / Boulevard Saint-Germain auf die liebenswerte Gestalt des Träumehändlers zu treffen. Gegen Zahlung einer geringfügigen Summe erhielten sie von ihm eine Art kleinen, in schneeweißen Flaum eingehüllten Ballon, den sie, an einem Stück dünnen Metalldrahts befestigt, mitnehmen konnten. Im ganzen übrigen Jahr ließ sich der Träumehändler nicht blicken. Es wurde empfohlen, beim Verschenken dieses kleinen Ballons zu sagen: »Mögen Ihre liebsten Träume Wirklichkeit werden!« Die Person, die ihn geschenkt bekam, musste ihn dann ans Kopfende ihres Bettes binden, möglichst nahe am Kopf des Schlafenden. Viele, die es ausprobierten, erklärten hinterher, sie hätten sich in der Nacht leicht, ja richtig federleicht gefühlt. Wahrscheinlich hatten sie unbewusst an die Eigenart des Ballons gedacht und sich mit seinem Drang emporzuschweben identifiziert. Diejenigen aber, die wissen wollten, was eigentlich dahinter steckte, fanden nach dem Zerstechen des Ballons nur eine Art billigen Plüsch, der innen wie außen auf die ganz gewöhnliche Gummihaut geklebt war. Und das Ding hatte so wenig gekostet, dass sie nur die Achseln zuckten und nicht mehr daran dachten. Nun kam es aber eines Jahres zu einem Skandal. Alle Bewohner eines Gebäudes, die zufällig kleine Traumballons verschenkt oder selbst geschenkt bekommen hatten, erwachten nach einem feuchtfröhlichen Silvesterschmaus in einem Bett, das nicht ihr eigenes war. Aber der Zufall – falls er es war – hatte das eigentlich recht gut gemacht: Leute, die sich nur heimlich lieben durften, Liebende, die zu schüchtern waren, sich ihre Gefühle einzugestehen, waren wie durch ein Wunder zusammengeführt worden. Aber erweisen Sie einmal den Leuten gegen ihren Willen etwas Gutes! Kaum war der erste Augenblick der Ungezwungenheit vorbei, sorgten sich manche schon um das Gerede der Leute, um die Ehrbarkeit, um die öffentliche Moral, um die Meinung ihrer Concierge und um andere Albernheiten. Die Hirnrissigsten gingen so weit, Anzeige zu erstatten. Man machte, wenn auch nicht ohne Schwierigkeiten, den alten Mann, der Träume verkaufte, ausfindig. Er gab schließlich zu, dass er das Jahr über nur die kleinen Mädchen der Volksschule und die besonders ungeschickten Einbrecher als Kunden hatte. Letzteren, so hieß es, gelangen damals einträgliche Beutezüge. Doch im Laufe des Prozesses wollte das Gericht lediglich die moralische Seite des Skandals in Betracht ziehen. Der Oberstaatsanwalt erklärte: »Wenn alle Träume Wirklichkeit würden, wäre das Anarchie!« Von der extremen Rechten bis zur äußersten Linken stimmten sämtliche Gazetten zur gleichen Zeit wie der Urteilsspruch dieser lapidaren Formulierung zu. Dem Träumehändler wurden Herstellung und Verkauf jedes erdenklichen Gegenstands untersagt. Aber da man ja sein Auskommen haben muss, gestattete man ihm schließlich, unter strenger Aufsicht recht sonderbare kleine Bilder zu verkaufen, die er selber malte. So sah man ihn jeden Sonntagnachmittag mit einer bestimmten Anzahl um ihn her aufgestellter Gemälde an der Ecke Waterloo Road / Boulevard Saint-Germain stehen. Doch die Leute mochten seine Bilder nicht, denn auf ihnen waren weder röhrende Hirsche auf Waldlichtungen noch Katzen auf Sofakissen noch Sonnenuntergänge über dem Meer zu sehen. Er wäre glatt verhungert, der einstige Träumehändler, wenn ihm von Zeit zu Zeit nicht ein ehemaliger Kunde – ein kleines Mädchen, das Prostituierte geworden war, ein Einbrecher, der es zum Bankier ge-bracht hatte – aus Mitleid eines seiner Gemälde abgekauft hätte. Aber solch ein Gemälde stellte der Käufer, sobald er zu Hause war, vermut-lich in eine Ecke, in einen Schrank oder auf den Dachboden. Denn wer interessiert sich schon für die Träume der anderen? Die Rückkehr aus den Ferien Für Marie-Odile Als der Henker aus den Ferien zurückkam, stand vor seiner Haustür eine lange Schlange zum Tode Verurteilter, die ungeduldig auf ihn warteten. Der Erste sagte zu ihm: »Lesen Sie denn keine Zeitung?« Ein anderer: »Versetzen Sie sich in unsere Lage! Anfangs ist man noch mutig, aber wenn man warten muss...« Ein Dritter: »Und zudem sind wir nicht mehr ganz sicher, ob wir für die gute Sache gearbeitet haben. Zuletzt beschleichen einen Zweifel.« Ein Vierter: »So ist es eben, dieses verfaulte System! Selbst die Henker schert’s einen Dreck...« Der Henker dachte nach und erklärte: »Hören Sie, ich habe diese Arbeit immer mit Widerwillen verrichtet. Die Todesstrafe lehne ich ab. Aber wenn man mir einen Verurteilten bringt, so ist das mein Beruf, da muss ich halt ran. Nun sind Sie gleich zwölf auf einmal und mutige Männer, das sieht man. Wenn wir einen Aufstand machen würden, so würde das ganze Land uns folgen...« Da rief einer der zum Tode Verurteilten: »Zwölf! Mit Ihnen sind das dreizehn: Das brächte uns Unglück!« Und einer seiner Kameraden fügte hinzu: »Und außerdem stehen Sie in Diensten des Fürsten, Sie sind ein Lakai der Macht: Wir haben kein Vertrauen zu Ihnen.« Da unterdrückte der Henker einen tiefen Seufzer und machte sich an die Arbeit. Anschließend reinigte er sein Richtschwert, nahm einen großen Sack und schaffte die zwölf Köpfe nicht ohne Mühe zum Palast. Er wurde vor den Fürsten geführt, zog die zwölf Köpfe aus dem Sack und legte sie in einer Reihe vor den Thron. Der Fürst sah sich die Gesichter seiner von nun an ungefährlichen Feinde eine Weile an und sagte dann freundlich zu dem Henker: »Was für eine traurige Rückkehr aus den Ferien, nicht wahr?« »Ach, das bringt der Beruf so mit sich«, entgegnete der Henker. Und mit einer großen, angewiderten Bewegung schlug er auch dem Fürsten den Kopf ab. Beide aus D’autres chats à fouetter, 1968 José Pierre war ein französischer Kunsthistoriker und Erzähler, der nach dem Zweiten Weltkrieg zu den Mitgliedern der Gruppe der Surrealisten um André Breton zählte (Anm.). |
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