René Ménil (1907–2004)

Der letzte Aufstand

D

ie Sonne schleuderte die gefräßige Meute ihres Lichtes auf uns. Ein Moskitoschwarm tanzte vor meinen Augen. Ab und an sah ich benommen auf den Kopf Mélorés, einen schönen Kopf aus Ton, aus dem etwas Veilchenfarbenes hervorschimmert. Mélorés Kopf, den die Henker unter die schelmischen Neger geworfen hatten. Und dieser Kopf lastete mit dem ganzen Gewicht meines eigenen Lebens auf mir. Plötzlich merkte ich, dass es dunkel war. Dabei lebte das harte Licht des Tages, von Fliegen und Hitzelöchern durchsiebt, noch hinter meinen geschwollenen Lidern. Ach ja, vor einer Weile war die Sonne plötzlich hinter die Vororte der Stadt gefallen. Der Aufstand ließ von Zeit zu Zeit die Peitsche kurzer Schusswechsel knallen. Jetzt durchbohrten wie zu einem tropischen Fest unter Tamarinden die Scheinwerfer die Stadt und den Himmel mit ihren Fächerpfeilen. Wen suchte man noch? Ich legte Mélorés Kopf auf einen Stein in den Trümmern, ein heller, in das schwarze Aufflackern seiner Haare geschleuderter Kopf. Mein schales Herz hatte keine Lust zu schlagen. Heute Morgen noch war Méloré, im Schlaf wie eine Badende schräg über die Gischt ihrer Laken geworfen, mit der ganzen Trägheit ihrer Bewegungslosigkeit, mit der ganzen Trägheit ihrer Algen- und Schwarztraubenhaare in ich weiß nicht welches Aquarium gestiegen. Und wann machte – mehrmals wohl, so scheint es jedenfalls – der Mond aus ihrem Gesicht eine zu leuchtende Statuette unter dem Reisig aus trockenem Holz oder unter den unglaublichen Tröpfchen des Rivière-aux-Écailles*?

Ich taumelte durch die vom Beschuss durch Janitscharen der Ordnung zerfetzten Straßen. Ab und zu miaute ein Kind auf der Straße und bewegte sich wie eine stille Katze. Aus der Richtung des Grünen Obelisken war ein dumpfes Grollen zu hören. Dort wurde wohl gekämpft. Ich hatte nicht Kraft genug, mich von dieser Gefahr fern zu halten. Mit der Versessenheit eines Todessüchtigen stürmte ich dorthin. Mitten auf dem Platz gab es eine rötlich schimmernde Feuerstelle, und um sie herum zeterte eine Schar wild gewordener Weiber. Sobald sie mich sahen, drehten sie sich ironisch lächelnd nach mir um.

Die eine sagte: »Da ist der letzte Pikbube.« Ich wusste, dass das eine boshafte Anspielung auf etwas war, das ich einmal getan und dann vergessen hatte. Alle begannen zu lachen, und ich lachte feige mit. Die Frauen gingen in kleinen Gruppen hinüber auf die andere Seite der Stadtmauer. Auf dem Platz blieb nur ein Pferd zurück, dem sie mit abscheulicher Grausamkeit den Bauch aufgeschlitzt hatten.

Schon seit einer Ewigkeit blinkte ein Licht: Ich ging auf die Zitadelle zu, auf die es zeigte. Im Hof hatte man drei Mädchen aufgehängt. Die Gehängten seien hässlich, sagt man, und doch lächelten diese hier strahlend. Das sich bewegende Licht verlieh ihnen Leben. Eine Maus schlüpfte über die linke Brust der Letzten zur Tür des Festsaals. Ich ging durch diese Tür hinein: Hier fand eine Geheimversammlung statt. Zwei Priester, zwei wunderschöne, schwarz gekleidete Mulattinnen und zwei mit Federbüschen geschmückte Generäle diskutierten erbittert miteinander.

»Wir haben das Stroh in den Vorstädten in Brand gesteckt«, sagte eine der Frauen wütend.

»Wenn wir uns nicht beeilen«, fügte die andere hinzu, »werden sämtliche Bettler hierher kommen und Entschädigung für das Verbrechen verlangen.«

Einer der Generäle gebot mit einer knappen Geste Ruhe und sagte:

»Ich werde um Mitternacht meine letzte Karte aufdecken. Das Bankett muss hinter verschlossenen Türen stattfinden. Zu meiner Linken, das weiß ich, wird die Schönste von euch sitzen. Sie ist es, die mich zum Waffenlager begleiten wird. Sie wird mir helfen, die Köpfe der letzten Verurteilten abzuschlagen. Und bei Tage wird es nicht einen einzigen Blutfleck auf der heiligen Stadt geben.«

Aber sie bemerkten meine Anwesenheit. Sie luden mir ein ganzes Sortiment von Sakristeigegenständen, einen Berg bischöflichen Tafelgeschirrs auf, und wir schlichen hintereinander durch die Geheimgänge der Zitadelle.

Kurz darauf waren wir im Freien. Uns umtoste wieder der Lärm der Stadt. Jetzt zeigten die erleuchteten Häuser farbige Szenen. Nun war ich allein. Ich entledigte mich meiner Last und trat in das Haus, in dem Méloré gelebt hatte – bis vor nicht einmal einem Tag. In dem Zimmer war eine Frau. Es war eine von denen aus der Zitadelle. Ihr Gesicht hatte eine schöne Tonfarbe, und es war auch etwas Veilchenfarbenes darin. Sie lächelte mir zu, doch ihre Zähne waren grausam. Sie war von einer schrecklichen Schönheit, und man wünschte sich, sie wäre ein für alle Mal grausam gewesen, damit es ein Ende hatte. Sie nahm mich jedoch liebevoll bei der Hand, als wollte sie mich mit allen die-en Dingen bekannt machen, die Méloré gehörten.

Ich setzte mich.
»Sie haben sie also geliebt?«
»Sie wusste, was ich dachte.«
Sie lachte ironisch:
»Und was hatten Sie davon?«

»Mir scheint jetzt, dass ich unbewohnt bin. Muss man also nicht mehr geliebt werden, um zu sehen, wer man ist?«

»Aber sie liebte Sie gar nicht. Es war die Freiheit des Geistes, die sie in Ihren Armen suchte. Womöglich nicht einmal das, vielleicht dachte sie an den anderen, wenn sie Sie küsste.«

»Welchen anderen?«

Sie sah mich verächtlich an.

Sie zog sich langsam aus, ewiges Entblättern einer Frau, die ihre schwarzen Blütenblätter verliert. Sie war nur noch wie eine Badende, hoch aufgerichtet, mit dem dunklen Pfuhl ihrer Kleider zu ihren Füßen. Mit grausamer Sanftheit nahm sie meine Hand und sagte mit Nachdruck:

»Sie hat Sie niemals geliebt. Ich weiß es. Man kann nicht lieben, wenn die Gewehre losgehen. Morgen kommen vielleicht die glücklichen Tode.«

Und mir draußen den Pfeil eines Scheinwerfers zeigend, sagte sie:

»Geh’ und sieh, wie die Stadt schläft.«

Aus Bulletin de Liaison Surréaliste (Paris), Nr. 9, Dez. 1974
Aus dem Französischen von H. Becker


René Ménil war ein vom Surrealismus beeinflusster französischer Philosoph. Mit Thélus Léro und Etienne Léro gründete er die Zeitschrift Légitime défense und verfasste mit seinem Freund Aimé Césaire verschiedene Essays für die Revue Tropiques (Anm.).