Marcel Mariën (1920–1993)

Das Massengrab

V

on schwerem Rheumatismus geplagt, sah sich der Gaucho Diego Malamente ge­nö­tigt, der Pampa den Rücken zu kehren und sich als Hilfsarbeiter in der großen Fleischkonservenfabrik Santa Vaca in Montevideo zu verdingen. Sein Lebensmut – falls er solchen besaß – wurde außer durch die erwähnte Krankheit langsam, aber sicher durch die Ödheit seiner neuen Arbeit hinweggezehrt. Eines Tages sorgte er dafür, dass der Vorarbeiter sich für eine Weile entfernte, und stürzte sich aus zehn Metern Höhe in die große zentrale Fleischzerkleinerungsmaschine, die gerade mit Maximalgeschwindigkit rotierte.

Er wurde auf der Stelle zerstückelt, und man konnte die sich anschließenden Maschinen wegen der Abwesenheit des Aufsehers nicht eher stoppen, bis die gesamte Partie durchgelaufen und fix und fertig verpackt war. Es bestand nicht der geringste Zweifel, dass der Leichnam des Selbstmörders mitverarbeitet und auf eine Vielzahl von Corned-beef-Dosen verteilt worden war, in deren Inhalt man vergeblich nach einer Spur des Unglücklichen gesucht hätte. Sogar seine vom Fleisch abgetrennten und anschließend durch ein gewaltiges Sieb gepressten Knochen waren zu Staub zermahlen worden.

Man verständigte umgehend den Direktor; danach, um den Unfall zu Protokoll zu nehmen, die Polizei; und zuletzt einen Priester, der über die Dosen, die Diegos verstreute Überreste enthielten und die man zu einer Pyramide aufgetürmt hatte, das Totengebet sprach.

Chicago hat zuzeiten eine Reihe ähnlicher Unfälle erlebt, von denen auch die Literatur Notiz nahm. Aber dabei ging es immer nur um einen einzelnen Körperteil, mal einen Fuß, mal eine Hand, meistens aber bloß einen Finger, und dennoch wurde der Skandal um die Maschinen, die man wegen derartiger Bagatellen nicht glaubte anhalten zu müssen, in die ganze Welt hinausposaunt. Diesmal aber war es ein kompletter Körper und – mehr als das – eine ganz Seele, die wie ein Brief bei der Post in der namenlosen Dunkelheit abhanden gekommen war.

Die Direktion von Santa Vaca hielt sich für – wie man heutzutage sagt – nicht involviert. Sie fand aber, es stünde ihr trotz ihrer moralischen Nicht-Verantwortlichkeit gut zu Gesicht, die Kosten für die Beisetzung zu übernehmen. Aufgrund der Umstände fiel diese jedoch sehr aufwändig aus. Denn es gab mindestens an die hundert mit Dosen von jeweils einem halben Pfund Gewicht voll gestopfte Särge zu beerdigen, die auf ebenso vielen Leichenwagen transportiert wurden. Bei zwei Pferden pro Karosse ergab dies eine stattliche Kavallerie. Und die Grabstätte des kleinen Hilfsarbeiters auf dem Friedhof von Montevideo hatte die Ausmaße einen Nabob-Mausoleums, ja einer kleinen Nekropole.

Diese Tragödie zog leider Gottes eine weitere nach sich, nämlich das Drama der Zwangspsychose, in die María Dolores, die Witwe Diegos, verfiel, als sie plötzlich daran zu zweifeln begann, ob man die Dosen, auf welche die sterblichen Überreste ihres Gatten verteilt worden waren, wirklich vollzählig aus dem Verkehr gezogen hatte, und als sie es sich angelegen sein ließ, sie in sämtlichen Lebensmittelläden, in die der Zufall sie führte, gleich säckeweise aufzukaufen. Sobald sie irgendwo eines Stapels mit den fraglichen Konserven ansichtig wurde, hatte sie sogleich das Gefühl, als wachse aus ihnen das Gespenst Diegos hervor, und mitunter glaubte sie sogar, aus den winzigen Blechgräbern dringe leise das herzzerreißende Wehklagen des Verblichenen. Anfangs achtete sie noch auf die Verpackungsdaten, aber schon sehr bald befiel sie die Furcht vor einem Versehen, das dabei ja immer möglich ist. Und María Dolores kaufte weiterhin – und stahl sogar – sämtliche Dosen, deren sie habhaft werden konnte, selbst solche, die mit Sicherheit vor der Tragödie abgefüllt worden waren.

Schließlich ertappte man sie eines Nachts auf dem Friedhof dabei, wie sie hinter dem Mausoleum eine riesige Grube aushob, in der sie gerade eine unübersehbare Anzahl von Konservenbüchsen beerdigen wollte.

Es war an der Zeit, dem Spuk ein Ende zu bereiten. Man verhaftete sie und wies sie in eine Irrenanstalt in der Provinz ein. Es ist nicht ausgeschlossen, dass sie sich dort jetzt noch befindet.

Aus Figures de poupe, 1979
Übers. Heribert Becker für Surrealistische Erzählungen


Marcel Mariën war ein in Antwerpen geborener belgischer Dichter, Schriftsteller, Künstler, Fotograf und Kunstkritiker französischer Sprache.