Georges Henein (1914–1973)

Und eine Einzige desertierte

E

ines Tages lasen wir in unseren Gazetten:

»Soeben ist die Stadt L. vom Feuer des Himmels* getroffen worden.«

Die Nachricht brachte die einen schlicht aus der Fassung, während die anderen sie ungläubig aufnahmen. Denn viele von uns hatten versucht, die Stadt L. zu erreichen, doch niemand konnte sich rühmen, je ihre Mauern passiert zu haben oder auch nur ihre genaue Lage zu kennen. Unsere Geduld war schließlich erschöpft, und wenn der Name dieser Stadt in unseren Gesprächen noch vorkam, dann nur, um sich darin in mythische Nebel zu hüllen und um sich für immer in der Ferne stark alkoholisierter Erzählungen zu verlieren. Außerdem war das Feuer des Himmels schon seit langer Zeit nicht mehr aufgetreten, und man wusste sich die Gründe, die hinter dieser Rückkehr zu alten, unerquicklichen Gepflogenheiten standen, nicht recht zu erklären.

Bald wurde nicht mehr über die Angelegenheit gesprochen. Nur ein paar Moralprediger machten sich diese Zeitungsmeldung zunutze und versuchten mit ihr, in den Köpfen ganz unauffällig ein gewisses Maß an Angst und Schrecken aufrechtzuerhalten.

Die Moralprediger selbst waren verstummt, als vor unseren Augen eine recht wenig bekleidete junge Frau auftauchte, die ihre Geschichte mehrmals wiederholen musste, denn anfangs schenkte man ihren Worten kaum Beachtung, damit beschäftigt, wie man es war, ihre Hüften zu streicheln und ihren Schweiß mit Taschentüchern aufzufangen, in die man dann, vor Lust röchelnd, sein Gesicht hineindrückte.

»Ich habe die Stadt L.«, sagte sie, »wie eine überhitzte Blutblase zerplatzen sehen...«

Sie sagte »Blose«, und ich bekam plötzlich Lust, ihr das O aus dem Mund zu ziehen, ihr das O herauszusaugen, bis einer von uns an Ort und Stelle den Geist aufgab. Doch ein Freund war mir bereits zuvorgekommen und verdrehte ihr mit absichtlicher Langsamkeit die Handgelenke.

»Ich stand mitten in der Nacht auf«, fuhr sie fort, »und betrachtete meine Gefährten. Sie sahen unintelligent aus, und ich begriff, dass sie schon bald aus dem Weg geräumt werden mussten. Ich war mit dem Wunsch aufgestanden, meine Brüste anzuschauen. Ich hatte gerade ge-träumt, sie hätten sich äußerlich verändert, sie wären zu Gesichtern geworden und ich hätte jetzt drei Gesichter statt einem. Ein oberes Gesicht zum Befehlen und zwei untere für Grimassen, Anzüglichkeiten, höhnisches Grinsen und Verdrehungen aller Art. Mit drei Gesichtern, sagte ich mir, werde ich diesen Hunden imponieren können... Ich lief also durch das Spalier der vertrauten Schläfer, ging dann zu dem Brunnen im hinteren Teil des Hofes und schöpfte aus ihm genügend Wasser, um einen Zuber zu füllen, den ich auf das Dach unseres Hauses trug. Dort beugte ich mich über den Wasserspiegel, um die Ausdruckskraft meiner Brüste zu prüfen. Sie kamen mir mit ihren mondenen Konturen zuerst aschgrau und trübselig vor, doch dann, als ich energisch auf sie einredete, als ich sie drängte, sich auszudrücken und mir die Lächerlichkeit dieses einsamen, sinnlosen Beobachtungspostens auf der Dachterrasse zu ersparen, leuchteten sie ganz unerwartet rot auf. Es bestand kein Zweifel mehr. Sie sandten Flammen aus, die gegen mich anloderten und sich dann wieder von mir entfernten, scheuende Pferde mit flammenden Mähnen, rasende Pferde, die sich nur noch von mir losreißen, nur noch ihr Geschirr zerfetzen wollten. Ihre Spitzen waren glühend heiß, und ich verbrannte mir die Hände, als ich sie besänftigen wollte. Da sah ich, als ich mich umdrehte, dass ein ähnlicher Aufruhr die Stadt bis in ihre Grundfesten erschütterte, dass die Feuersbrunst über ganze Stadtviertel hinwegsprang und dass eine unbekannte Kraft die Menschen zu dem Flammenmeer hinzog und sie mit Ausrufen der Dankbarkeit sich in sie hineinstürzen ließ. Ich hielt jemanden an, der in Richtung des Desasters lief:

»Das ist nichts weiter«, erwiderte er mir. »Es ist ein bloßes Missverständnis. Man hat sich höheren Orts über unsere Politik der Blutschande aufgeregt.«

»Niemand«, so schloss sie, »mochte sich rechtfertigen. Ich weniger als irgendwer sonst. Und ich musste mich furchtbar zusammennehmen, um mich der Anziehungskraft zu entziehen, die die Heimsuchung ausübte, um zu desertieren, so wie ich es getan habe, und verlassen und hilflos an den Straßenrändern entlang fortzugehen.«

Diese Frau hatte recht. Ihre Brüste begannen kaum abzukühlen. Ein alter Mann wickelte sich mit der Anmut einer Boa um sie, und die sehr nervös gewordene Menschenmenge fing an, ihr die Lenden zu zerfetzen.

Seither legen wir in unseren Gazetten großen Wert auf unbegreifliche Ereignisse, insbesondere auf das Feuer des Himmels.

Aus Notes sur un pays inutile, 1977

* frz. le feu du ciel, d.h. der Blitz oder Blitzschlag (Anm.d.Übers.)

Übersetzung: H. Becker


Georges Henein war ein in Kairo geborener ägyptischer Dichter und Schriftsteller französischer Sprache (Anm.).