Max Ernst (1891–1976)

Die Akademie der Wissenschaften1

D

ie Nacht wird kommen, in der die Akademie der Wissenschaften höchstselbst es nicht für unter ihrer Würde halten wird, hinab in die Kloaken der Welt zu blicken. Die Nacht wird kommen, in der, bedeckt mit all ihrem Geschmeide, die paar zweitrangigen Gerippe, die man Wissenschaftler nennt, sich vor folgendes Problem gestellt sehen werden:

Von was träumen kleine Mädchen, die ins Karmeliterkloster eintreten wollen?

Ein heftiges Gewitter wird sich in besagter Nacht vor den Toren der Akademie der Wissenschaften entladen, und in den Regenrohren wird das Wasser brausen.

Das Wasser wird sich an das Jahr der Schande 1930 erinnern, in dem es sich gewünscht hätte, alle Kathedralen des Universums in viel zu kurzen Kleidern vorüberziehen zu sehen. Es wird sich vor allem an eine Nacht erinnern. Denn…

In der Karfreitagsnacht des Jahres der Schande 1930 tauchte ein kaum sechzehn Jahre altes Mädchen seine beiden Hände in eine Abwasserrinne, piekste sich in die Haut und schrieb mit seinem Blut folgende Zeilen nieder:

Den lieben Gott gern haben und seine beiden Hände in eine Abwasserrinne tauchen: das ist für uns Kinder Mariens Glück.

Aus der Klosterschule der Salesianerinnen in Lyon, in der die Kleine erzogen wurde, schickte sie diesen Satz per Brieftaube an ihren Vater, einen christ-sozalistischen Abgeordneten in Paris, umarmte ihn in Gedanken zärtlich, ging zu Bett und träumte den Traum, von dem wir im vorliegenden Buch mittels Bildern zu berichten versuchen werden.

Es ist leicht, in dem vorhin zitierten Satz die unwiderstehliche Neigung zu entdecken, die sie zum Praktizieren unbeugsamer Hingabe und theatralischer Aufopferung trieb. Es ist leicht, darin die frühe Reife ihrer schönen Intelligenz, ihrer brillanten Phantasie, ihres glühenden Herzens zu erkennen.

Das gleiche mächtige Gefühl, das sie von ihrem elften Lebensjahr an dazu brachte, sich unter das Banner der kleinen Theresa vom Jesuskind2 zu begeben, zeigte sich seit ihrer frühesten Jugend auch darin, dass sie es liebte, Lateinisch zu lernen: Spielend brachte sie Sätze zu Papier, in denen sich bald das ganze Feingefühl einer lateinischen Seele kundtat, bald das ganze Feuer derselben funkelte:

Diligembimini gloriam inalliterabilem mundi fidelio.
Benedictionem quasimodo feminam multipilem catafaltile astoriae.

Als Dreizehnjährige bezeichnete sie ihren Körper als ihr finsteres Gefängnis

»Verborgen in den Winkeln meines finsteren Gefängnisses stellen vielfarbige Gruppen die verschiedenen Völker der Welt dar.«

Mir scheint, diese Sätze deuten bereits auf den Geist des nachfolgenden außergewöhnlichen Traums hin und lassen dessen Keime erkennen.

Zum Verständnis dieses Traums scheint es mir ziemlich wichtig zu sein, hier zu erwähnen, dass sie im Alter von sieben Jahren durch die Bestialität eines niederträchtigen Individuums ihre Jungfräulichkeit verlor. Das geschah genau an dem Tag, an dem man ihr die Teilnahme an der Erstkommunion verweigerte: Sie sei noch zu jung, wie ihre Milchzähne bewiesen. Das Individuum, nicht zufrieden damit, ihr seine Schändlichkeiten anzutun, schlug ihr zudem mit unfassbarer Grausamkeit und mittels eines großen Kieselsteins sämtliche Zähne aus. Darauf ging sie zurück zu Hochwürden Denis Dulac Dessalé3, zeigte ihm ihren blutigen Mund und sagte:

»Jetzt kann ich die Kommunion empfangen, ich habe ja keine Milchzähne mehr.«

Obwohl sie als kleines Mädchen eigentlich noch nicht weit genug entwickelt war, um ihr ganzes Glück zu empfinden, ließ sie ihrem Papa, wiederum per Brieftaube, eine Nachricht folgenden Inhalts zukommen:

»Oh, ich bin ja so glücklich! Wie recht Sie hatten, als Sie sagten, der Tag der Erstkommunion sei der schönste Tag des Lebens! Laudate dominum de coelibus catalineria.

SPONTANETTE

»Spontanette« lautete der bevorzugte Name, den ihr Vater ihr wegen ihres lebhaften, aufgeweckten und munteren Wesens gab und auch wegen der breiten Ringe aus rotem Dampf, die sie gewöhnlich um die Hüften und Knöchel trug. Ihr richtiger Vorname war Marceline-Marie. Dieser Doppelname war von wesentlicher Bedeutung für den Ablauf des unten geschilderten Traums. Denn wahrscheinlich lag es an dem Durcheinander, das durch die Verknüpfung zweier Namen von so unterschiedlicher Bedeutung entstand, dass wir sie vom Beginn des Traums an in der Mitte des Rückens sich spalten und das ständig sich verändernde Aussehen zweier unterschiedlicher, aber eng miteinander verbundener Personen annehmen sehen werden, »zweier Schwestern«, wie sie im Traum zu sich selbst sagte und die sie zum einen »Marceli-ne« und zum anderen »Marie« oder »ich« und »meine Schwester« nannte. Es ist auch anzumerken, dass es ihr während dieses ganzen Traums nur sehr selten gelang, sich auf zuverlässige Weise mit einer der beiden zu identifizieren, und dass sie sich nur in diesen glücklichen Augenblicken in ihrer gewöhnlichen Gestalt, in ihrem wirklichen Alter, in ihrem wirklichen Geschlecht und wie üblich gekleidet und frisiert usw. sah.

Halten wir ferner fest, dass die »Berufung«, die sie seit dem Tage der Zahnent­fernung­-Entjungferung-Erstkommunion von ganzem Herzen herbeigesehnt hatte, im Alter von elf Jahren während der Einweihungszeremonie für ein gusseisernes Standbild der »kleinen Heiligen von Lisieux« über sie kam. Sie war während des Umzugs der Reliquien der Märtyrer und während der Predigt, das heißt zwei Stunden hintereinander, bewegungslos stehen geblieben, den Arm ausgestreckt, ein Messer in der Hand, »um die Erde aufzuritzen«. Plötzlich, genau in dem Augenblick, da die Seminaristen den »Gesang der Erhebung der Kinder Mariens« anstimmten, erhob sie sich über den Boden, schwebte einige Sekunden lang im Leeren und rief mit beseelter, lieblich reiner Stimme, die an Lautstärke die Chöre und die Orgel übertönte:

»Hinein, liebes Messer, hineinin die Kammerr der Inkubationen!

Der himmlische Gatte lädt mich zum Festmahl!

Ich bringe mich zum Opfer dar und gebe mich hin!

Die Erde ist weich und weiß.«

Die Seminaristen verstummten verblüfft.

»Mein Kind«, entgegnete da vom Altar herab Hochwürden Denis Dulac Dessalé, »Ehre sei Gott und der Heiligen Kirche! Sie besitzen, ja, Sie besitzen die Berufung zum Ordensleben. Sie müssen die Möglichkeit, die Ihnen geboten wird, annehmen, aber Sie sind erst elf Jahre alt! Wie viel Dankbarkeit schulden Sie Maria, Ihrer innig geliebten Mutter und Namenspatronin! Sie ist es, zweifeln Sie nicht, die alles bewerkstelligt hat, davor, währenddessen und danach.«

»Davor, währenddessen und danach«, wiederholten alle Anwesenden im Chor.

An jenem Abend zerbrach sie, womöglich aus Unachtsamkeit, ein Gefäß aus Porzellan, wie es nachts den intimen Bedürfnissen der kleinen Mädchen dient, und sah sich wegen dieser Missetat dazu verurteilt, eine Geldbuße zu zahlen. Sie wird sie zahlen, diese Geldbuße, aber erst nachdem sie eine Szene improvisiert hat, die die von der Oberin verhängte Strafe der Lächerlichkeit preisgeben wird. Bis Mitternacht sang sie den »Wein der Tröstungen«, einen eintönigen Bußgesang auf eine einzige, ständig wiederholte Note, und stand danach auf, um mit ihren Zähnen an den Nägeln all ihrer schlafenden Gefährtinnen zu kauen. Am Morgen stellte sie sich in dem Augenblick an die Tür, in dem die Glocke die Schülerinnen aufforderte, den Schlafsaal zu verlassen, hielt jeder eine Scherbe des in Almosenbeutel verwandelten Topfes hin und sagte mit halb trauriger, halb spöttischer Stimme:

»Ich setze mich gegen die Gegner der Religion für Recht und Gerechtigkeit ein. Einen Sou, bitte, für das arme Mädchen, das seine Berufung verpatzt hat. Sie ist es, die alles bewerkstelligt hat, davor, währenddessen und danach. Das Funkeln der Gestirne ist nicht nur Personen mit Eintrittskarten vorbehalten.«

1930

1 Dieser Text leitet Max Ernsts Collageroman Rêve d’une petite fille qui voulut entrer au Carmel (Traum eines kleinen Mädchens, das ins Karmeliterkloster eintreten wollte, 1930) ein (Anm.d.Übers.).
2 Gemeint ist Thérèse de Lisieux (1873-1897), eine heiliggesprochene französische Karmelitin, die ein anderer Surrealist, Pierre Mabille, in seinem Buch Thérèse de Lisieux (1937) als psychopathologischen Fall darstellte (Anm.d.Übers.).
3 être bien dessalé lässt sich mit »abgebrüht«, »mit allen Wassern gewaschen« übersetzen (Anm.d.Übers.).

Übersetzung H. Becker für Surrealistische Erzählungen


Max Ernst, eigentlich Maximilian Maria Ernst, geboren in Brühl bei Köln, war ein bedeutender Maler, Grafiker und Bildhauer deutscher Herkunft, dem 1948 die amerikanische und 1958 die französische Staatsbürgerschaft verliehen wurde. Er war 1924 ein Gründungsmitglied der Pariser Surrealistengruppe (Anm.).