Rikki Ducornet (*1943) |
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Tante Rose und Onkel Friedel ![]() O nkel Friedel kehrte ohne seinen Kopf aus dem Krieg zurück; er hatte ihn auf einem Kartoffelacker irgendwo nördlich der Somme verloren. Scherzend sagte Tante Rose zu meiner Mutter, das sei nicht weiter wichtig, denn sie habe Friedel nicht wegen seines Verstandes geheiratet, sondern wegen des Springteufels, den er zwischen den Beinen mit sich herumschleppte. So war es wohl auch, denn seit dreißig Jahren lebten sie ohne Streit miteinander, obgleich ich Tante Rose oft darüber klagen hörte, dass Onkel Friedel nicht genug aß. Rose hatte einen gewaltigen Appetit und aß für zwei. Voller Tatkraft verbrachte sie die meiste Zeit des Tages in der Küche, enthäutete Aale, buk Krafen, vermengte Zwiebeln und geronnenes Blut zu Bergen bunt schillernder Blutwürste und rollte Marzipan und Fleischklöße. Ihre Hände – kleine Sträuße verzauberter Würste – waren ständig in Bewegung: Sie rührten den Pfannkuchenteig, fischten einen Markknochen aus der Brühe, prüften tastend die Reife der Feigen, die Festigkeit der Bananen und die Frische eines Stücks Kuchen. Und da Friedel alle diese Köstlichkeiten verschmähe, setzte sie sich wie ein fetter, verzweifelter Pelikan an den Tisch und verschlang das alles allein. Bald besaß sie eine solche Körperfülle, dass Friedel auf den Küchentisch steigen musste, wenn er sie beehren wollte: Rose, sich über den Ofen ausbreitend, hob und senkte sich wie ein riesiger Brotlaib beim Aufgehen. Sie wurde so dick, dass Friedels Schlüssel nicht mehr in Roses Schloss fand, und da nahm sie ihn wie die Fleischklößchen, auf die sie so scharf war, zärtlich zwischen ihre Schlemmerzähne und trank ihn aus wie ein Pint Bier an einem Festtag. Als sie sich nicht mehr allein vom Fleck bewegen konnte, blieb sie aus Angst, ihr Herz würde aus seiner Fetthülle platzen, auf ihrem Stuhl sitzen. Friedel baute ihr einen kuscheligen Schaukelstuhl, in dem sie die meiste Zeit damit verbrachte, Nüsse in die Schokoladencreme zu tunken. Eines Tages, als Rose Sauerkraut zubereitete und gerade einen riesigen Kohlkopf zerschnitt, breitete sich marmeladesüß ein Lächeln auf ihren Grübchen aus. In der Nacht nähte sie Friedel, als dieser schlief wie ein Stein, den Kohl mit einer festen Katzendarmsaite auf den Hals. Am Morgen wachte Friedel wutschnaubend auf, aber Rose sagte zu ihm: Als Friedel die Augen aufschlug und sah, dass er ganz allein war, langte er in seine Westentasche und zog seinen Kopf hervor, den er all die Jahre sorgsam in einem Taschentuch aufgehoben hatte, und setzte ihn sich auf , und setzte ihn sich auf – verkehrt herum, so wie er es insgeheim schon immer ge-macht hatte. Dann hielt er sich den Lauf eines kleinen Revolvers an die Schläfe und jagte sich eine Kugel durch den Kopf. Aus The Butcher’s Tales, 1980 1 Rikki (Erika) Ducornet (*1943) ist eine US-amerikanische Lyrikerin, Erzählerin und bildende Künstlerin, die von 1972 bis ’89 in Frankreich lebte und sowohl mit den französischen als auch mit den amerikanischen (Chicagoer) Surrealisten zusammenarbeitete (Anm. d.Ü.). Aus dem Französischen von H. Becker für Surrealistische Erzählungen |
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