Hans/Jean Arp (1886–1966)

Texte

es wird ein kopf

V

orsichtig stecken die sphinxe ihre nasen aus der rinde
denn herr schnur bringt das seil
und herr seil bringt die schnur
um den sack voll obeliskenschmetterlinge zuzubinden

die knochen der steine wachsen immer schneller
im fundament eitern küsse
der himmel schlägt um wie ein schirm im wind
die vasen wimmern wie diamanten

näht man ein gackerndes blumenbukett an dies glückliche fest
so wird es ein kopf
der sich sogleich im spiegel betrachtet
und der sich fragt: bin ich’s oder bin ich’s nicht

das fragen sich auch die handschuh‘
wenn ihre behaglichen zungen die folgende litanei herbeten
geh‘ nach oben und schiebe nach unten
geh‘ nach unten und schiebe nach oben
geh‘ nach vorne und schiebe nach hinten
geh‘ nach hinten und schiebe nach vorne
geh‘ nach rechts und schiebe nach links
geh‘ nach links und schiebe nach rechts

drum ist es das beste die galgen-hüte
die inneren krawatten
und die eier des zölibats von den uralten Etagen herunterzuholen
und sie wieder auf den tisch der schöpfung zu legen
die lorbeerbedeckten viertelstündchen zu ersuchen sich auf ihre ephemeren
stühle zu setzen
die ephemeren stühle und der tisch der schöpfung streng in form eines
interimshörnchens aufzustellen
sich danach schnellstmöglich seiner schuhe zu entledigen
und den rest dem finalen aal zu überlassen der sich vom feldhüter
kostenlos helfen lässt.

1922


Surrealistischer Text1

D

ie medaille erhebt sich, während sich die sonne nach fünfzigjähriger dienstzeit in die verkohlten lichträder zurückzieht. es ist der mensch, der die wecker durch erdbeben, die lutschbonbonschauer durch hagelschauer ersetzt hat. der schatten des menschen, der dem einer fliege begegnet, löst eine überschwemmung aus. der mensch ist es auch, der den pferden beigebracht hat, sich abzuküssen wie staatspräsidenten. mit seinen elfeinhalb schwänzen zählt der mensch im möblierten zimmer des weltalls zehneinhalb gegenstände: die in ihren knopflöchern vulkane und geysire tragenden vogelscheuchen, die die schaufensterfronten der eruptionen, die auslagen des lavafadens, die systeme von sonnengeld, die etikettierten bäuche, die von den dichtern geschleiften mauern, die farbpaletten der cäsaren, die totenstillen stillleben, die ställe der sphinxe und die augen des beim schielen auf sodom zu stein erstarrten menschen.

tritt in in die kontinente, ohne anzuklopfen, aber mit einem maulkorb aus wasserzeichen. die blätter wachsen niemals auf den bäumen, wie ein aus der vogelschau gesehener berg besitzen sie keine perspektive, der betrachter befindet sich einem blatt gegenüber stets in einer falschen stellung. was die äste, stämme und wurzeln angeht, so erkläre ich, dass sie lügen von kahlköpfen sind. wie ein löwe, der grimmig ein leckeres pärchen jung-vermählter beschnuppert, wächst die linde fügsam auf den mit brettern verkleideten ebenen. der aufbruch des kastanienbaums und der eiche erfolgt beim zeichen der fahne. die zypresse ist nicht die wade eines eucharistischen balletts.

zu viert vor die vier vorläufer gespannt wie die friedhöfe der bauchredner oder die felder der ehre, kriechen die insekten aus ihnen hervor. da ist eva, die einzige, die uns bleibt. sie ist die weiße komplizin der zeitungsdiebe. Da ist der kuckuck, der ursprung der wanduhr, das geräusch seiner kiefer ähnelt dem von starkem haarausfall. drum zählt man das geimpfte brot, den chor der zellen, die blitze unter vierzehn jahren und ihren ergebenen diener zu den insekten.

der himmel auf den seestücken ist von expressionistischen tapezierern angemalt worden, die ein umschlagtuch mit eisblumenmuster aufgehängt haben. zur zeit der ernte der ehediamanten begegnet man auf den meeren gewaltigen, auf dem rücken treibenden spiegelschränken. der spiegel ist durch gebohnerte parkettböden ersetzt und der spiegelschrank selbst durch luftschlösser. diese spiegelschränke werden als boxringe an hebammen und klapperstörche vermietet, damit sie in ihnen ihre unzähligen runden austragen, oder als schemel an riesige, rostige füße, die darauf ruhen und bisweilen ein paar schritte auf ihnen gehen, pampam. deshalb nennt man die meere auch pampas, denn pam heißt so viel wie schritt, und zwei schritte ergeben pampam.

sie sehen also, dass man seinen vater nur scheibchenweise verzehrt, unmöglich, bei einem einzigen frühstück im grünen mit ihm fertig zu werden, und selbst die zitrone fällt angesichts der schönheit der natur auf die knie.

1925
In La Révolution surréaliste (Paris), Nr. 7, 15. Juni 1926

1 Text von Arp zu 34 Frottagen der Histoire naturelle von Max Ernst, ausgestellt vom 24. April bis zum 15. Mai 1926 in der Pariser Galerie Jeanne Bucher, abgedruckt in La Révolution surréaliste, Nr. 7, 15. Juni 1926. Zwanzig Bildtitel der Ernst-Frottagen, hier unterstrichen, fanden Eingang in Arps Text (Anm.d.Übers.).



die luft ist eine wurzel1

die steine sind voller eingeweide. bravo.
bravo. die steine sind voller luft.
die steine sind gewässerarme
auf dem stein der die stelle des mundes einnimmt
wächst ein grätenblatt. bravo.
eine steinerne stimme ist kopf an kopf und fuß an fuß
mit einem steinernen blick.

die steine werden gequält wie das fleisch.
die steine sind wolken denn ihre zweite
natur tanzt ihnen auf ihrer dritten nase herum.
bravo. bravo.

wenn die steine sich kratzen wachsen den
wurzeln zehennägel. bravo. bravo.
die steine besitzen ohren um die genaue
uhrzeit zu essen.

In Le Surréalisme au Service de la Révolution, Nr. 6, 15. Mai 1933


Ich bin ein Pferd

Ich reise in einem Zug
der sehr überfüllt ist
in meinem Abteil
ist jeder Platz von einer Frau besetzt
die einen Mann auf den Knien hält
die Luft ist unerträglich heiß
es herrscht eine tropische Atmosphäre
alle Reisenden
haben einen gewaltigen Appetit
sie essen unaufhörlich
plötzlich beginnen die Männer zu quengeln
sie fordern dass man ihnen die Brust gibt
sie fordern gestillt zu werden
sie wollen dass man sie säugt
sie knöpfen den Frauen die Bluse auf
und saugen an ihrer Brust
Sie laben sich mit frischer guter Milch
nur ich sauge nicht
und werde von niemand gesäugt
niemand hat mich auf seine Knie gesetzt
denn ich bin ein Pferd
ich sitze da aufrecht und groß
auf meinen Hinterbeinen
auf der Sitzbank der Eisenbahn
ich stütz‘ mich bequem
mit meinen Vorderbeinen auf
ich wiehere laut hiihiihii
an meiner Brust glänzen
die sechs Knöpfe des Sex-Appeals
schön aufgereiht
wie die glänzenden Knöpfe einer Uniform
oh wie klein ist die Welt
oh wie dick sind die Kirschen

1934


Elefanten- gegen Bidetstil

Die rationale Architektur war verklemmte Ästhetik.
Zertrümmert bedecken die Porzellanbidets, die Glastische, die Nickelstühle
den rauen Boden der Realität.
Der Nebel welcher der Mensch ist lässt sich nicht die Ecke schieben.
Die Vernunft, diese hässliche Warze, ist vom Menschen abgefallen.
Der logische Nonsens hat dem unlogischen Nonsens von neuem weichen
müssen.
Über den Trümmern der rationalen Architektur erhebt sich die Architektur
des Elefanten-, Pfauen-, Glocken-, Eierstils usw.
Die letzten Architekten sitzen mit Mumiengesichtern auf Sockeln.
Kraftvolle Ornamentierer ernähren sie wohlwollend mit Pillen nahrhafter,
stärkender und irrationaler Kunst.
Die Detektive der Ornamentierer zieh’n gewissenhaft durch die Welt,
um streng darüber zu wachen, dass nicht der kleinste Fleck ohne Bemalung
oder Bildhauerei übrig bleibt.
Selbst die Sohlen der Schuhe sollen bemalt oder mit Bildhauerei versehen werden.
Der logische Nonsens hat dem unlogischen Nonsens von neuem weichen
müssen.
Die Blitze und Donnerschläge werden in leuchtende und tönende Aufschriften
verwandelt.
Die Winde erhalten Farben und folgen künstlichen, dekorativen Strömungen.
Die Türme mit den langen Rüsseln der Wolken aus rotem Glas auf dem Kopf
spazieren auf ihren Krallenpfoten umher.
Die bronzenen Häuser ohne Fenster und Türen, aber mit Tür- und Fenster-
flügeln tönen so laut, dass die Obelisken Junge kriegen.
Am Himmel treiben die schneeweißen Nasen. Lange Haarbüschel hängen
von ihnen herab. Die mächtigen Marmorbrüste ziehen durch die Triumphbögen ein, ersteigen
die russischen Berge und verlieren sich in den Labyrinthen.
Die Formen der Kontinente werden in Blumenformen verwandelt. Europa
hat die Form der Lilie.
Die Quellen und Meere werden in riesige Kugeln aus Glas eingefasst und
rollen langsam in die geschickten Ebenen aus Spiegeln.
Die Berge werden in Eier verwandelt und mit glänzenden, duftenden Häuten
bespannt.
Die Gummipyramiden mit den Elfenbeinwangen springen seil
Die Menschen, Tiere und Pflanzen werden ungeachtet der menschlichen
Intelligenz und Boshaftigkeit zu Nebensachen, Einfalt und Spaßhaftigkeit
obsiegen in der Welt.

1 drei kurze Texte zu drei Zeichnungen von Arp, publiziert in Le Surréalisme au Service de la Révolution (Paris), Nr. 6, 15. Mai 1933 (Anm.d.Übers.)

Aus dem Französischen von H. Becker


Hans bzw. Jean Arp war ein deutsch-französischer Maler, Grafiker, Bildhauer und Lyriker. (Anm.)